Gaarden wird zur GmbH: Kiel-Gaarden GmbH

Zitat aus der Drucksache – 0677/2011: vom 02.09.2011

Zum 15.01.2011 wurde im Dezernat für Arbeit und Wirtschaft der Arbeitsbereich „Lokale Ökonomie und Quartiersentwicklung“ (als Teil des Referates des Dezernates) geschaffen. Aufgabe der beiden Mitarbeiter Christoph Adloff und Nico Sönnichsen ist die Entwicklung von Strategien und Projekten zur Stärkung und Entwicklung der lokalen – auch ethnischen und kreativen – Ökonomie in den sogenannten benachteiligten Stadtteilen bzw. Quartieren.

Aktueller Schwerpunkt ist diesbezüglich der Stadtteil Gaarden.

Die beigefügte Präsentation des Arbeitsbereiches gibt einen Überblick über die gegenwärtigen Schwerpunktsetzungen, (Netzwerk)-Aktivitäten und Zielsetzungen in den Bereichen

-          Soziale Ökonomie

-          Lokale und ethnische Ökonomie

-          Kultur- und Kreativwirtschaft

-          Wohnungswirtschaft (kooperativ mit dem Amt für Wohnen und Grundsicherung) sowie

-          Stadtentwicklung (kooperativ mit dem Stadtplanungsamt)

sowie über die Aufgabengebiete des zum 01.09.2011 geschaffenen

-          Wirtschaftsbüro Gaarden.

Die Leitung des Wirtschaftsbüros obliegt gemeinsam dem Arbeitsbereich Lokale Ökonomie, der Projektgesellschaft Kiel-Gaarden GmbH und der KiWi GmbH; eine offizielle Eröffnung des Büros ist nach Einarbeitung der neuen Mitarbeiter/innen vorgesehen.

Das Wirtschaftsbüro Gaarden wird in den kommenden Monaten um einen Beirat ergänzt werden, dessen Aufgabe darin bestehen wird, Ideen und Konzepte für eine Fortsetzung des Projektes Wirtschaftsbüro nach Ende der dreijährigen Förderdauer zu entwickeln und rechtzeitig zu initiieren.

Dem Arbeitsbereich Lokale Ökonomie und Quartiersentwicklung ist außerdem die verwaltungsinterne Koordinierung und Bündelung der auf Gaarden bezogenen Aktivitäten der Dezernate, Ämter und Betriebe der Stadt übertragen worden. Diesbezüglich entwickelt ein dezernatsübergreifender „Zentraler Arbeitskreis Gaarden“ zurzeit sowohl kurzfristig umsetzbare als auch mittelfristig zu realisierende Maßnahmevorschläge als Beitrag zur Verbesserung der Gesamtentwicklung des Stadtteils.

Ich bin ja beeindruckt. “Zentraler Arbeitskreis Gaarden” – zusätzlich zum Wirtschaftsbüro Gaarden und zum Büro Soziale Stadt Gaarden. dazu fällt mir kurzerhand nur ein: „Wenn Du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis.“

Neu ist aus meiner Sicht der Begriff “Ethnisch” -oder auch “Ethnische Ökonomie”. Auf berlin.de findet man dazu folgende Definition:

Der Begriff „ethnische Ökonomie“ beschreibt die unternehmerische Aktivität von Migrantinnen und Migranten. Viele Migranten nutzen eine Unternehmensgründung als Chance, ihre Existenz nachhaltig zu sichern. Ihre Gründungsdynamik ist im Durchschnitt höher als in der deutschen Bevölkerung.

Kurz gefasst – der Stadt Kiel ist aufgefallen, dass Gaarden einen hohen MigrantInnenanteil hat. Und die sollens jetzt richten – die Statistiken natürlich. Und die Kreativen – die Künstler also.

Und wenn wir jetzt noch mal auf die Mikrokredite und das Wirtschaftsbüro Gaarden schauen (siehe diesen Flyer) – da finden wir als Konditionen u.a.:

  •  Zinssatz: 8,9 Prozent effektiv p.a. (Stand 04/2011)
Das ist schon ein stolzer Preis (denn der Zins ist der Preis eines Darlehens). Ich habe jetzt einfach mal einen Online-Kreditrechner gequält und bin da aus Zinssätze zwischen 4,36 und 6,45 Prozent bei auf Gewinn gebürsteten Banken gekommen. Unterschied bei den Gaardener Mikrokrediten ist sicher der, dass kaum Sicherheiten verlangt werden. Aber ganz ohne geht es dann doch nicht:

Wir verdoppeln den Betrag, den Sie uns als gesammelte
Bürgschaften z. B. von Familienangehörigen und Freunden
bereitstellen. Aus 2.500 Euro Bürgschaft machen wir einen
5.000 Euro Kredit.

Es wird also eine Bürgschaft über 50% der Kreditsumme verlangt. Warum dann aber keine Privatkredite? Bei einem Kredit über 10.000 Euro müsste ein Kreditnehmer rund 1800 Euro zurückzahlen bei einer Laufzeit von 24 Monaten. Die 1.800 Euro fehlen dabei dann im Unternehmen und gehen an Banken.

Die Erfahrung zeigt, dass Mikrokredite von den Schuldern oft besser zurückgezahlt werden als große Kredite größerer Unternehmen. Warum die Kreditnehmer, dann aber höhere Zinsen zahlen sollen ist nicht plausibel. Was passiert mit diesen Zinsen? Effektiv ist es Geld, was aus Gaarden abgezogen wird. Denn wir haben es hier nicht mit einem gemeinnützigen Gaardener kreditorganisation zutun, sondern mit Banken und Mikrofinanzierern wie hier KIZ Finanzkontor (mehr). Auf dem Weg vom Mikrokredit zum Kreditnehmer wollen viele verdienen. Neben den Angestellten des Wirtschaftsbüros Gaarden, über KIZ Finanzkontor und KiWI bis zu den Banken.

Für die Kreditwirtschaft scheinen Mikrokredite gerade in der Finanzkrise eine Möglichkeit auch an den Armen Geld zu verdienen. Denn im Big Business wird das Risiko zunehmend höher – bzw. braucht das Big Business Geld aus möglichst vielen Quellen – ob direkt vom Steuerzahler als Bailout – oder eben dadurch, dass Mikrofinanzierer durch den Türöffner Staat in Problemstadtteilen nach Leuten fischen, die sich aus ihrer eigene  Zwangslage herauskaufen wollen.

Für den Staat lohnt sich das Engagement – denn er muss weder Kredite vergeben, noch trägt er die volle Last des Risikos.  Wenn Kreditnehmer und Bürgen in den Abgrund gerissen werden, so muss er nicht deren Schulden begleichen, sondern lediglich Hartz IV-Niveau finanzieren. Für die Finanzierung einer Selbständigkeit aus Hartz IV heraus bieten Mikrokredite für Kommunen daher viele Chancen und kaum Risiken.

Das Risiko tragen aber die Menschen, die alleine eine Unternehmung starten und sich durch die staatliche Unterstützung überzeugen lassen, dass das Ganze eine gute Idee ist.

Insofern wirkt der derzeitige Trend zu Mikrokredite wie ein ebenbürtiges Pendant zu Derivaten im großen Finanzmarkt.  Auch hier verschulden sich Einzelne, weil sie hoffen mit den Schulden die sie machen eine bessere Zukunft kaufen zu können. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

Mich wundert es nicht, dass gerade die KiWi diese Ideen propagiert, wird sie doch neben der Stadt Kiel hauptsächlich von Banken gelenkt.

Posted on 20. September 2011, in Gaardener Stilblüten, Politik, Stadtteilblog and tagged , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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