Süddeutsche meets Gaarden

Ein Artikel ist derzeit DER Diskussionstoff in Gaarden: “In dem Haus da hinten gibt es Drogen“.

Besonders die Qualität des Artikels hat es uns GaardenerInnen mächtig angetan. Der Artikel schafft es, fast alle gängigen Klischees zu bedienen:

Artikelfoto

Die Dummheit fängt ja bereits mit dem Titel an. Bildunterschriften wie “Getränkeladen, Pärchen mit Kinderwagen: Wer investiert hier noch? ” vervollständigen dann das Bild. Will es einem kaum in den Sinn, dass so ein Artikel überhaupt geprüft eine Redaktion verlässt, gar von einer bundesweiten Tageszeitung, so verwundert es nich mehr, dass dieser Artikel preisgekrönt wurde:

Die Begründung der Jury für den ersten Platz beim jj-Reportagepreis 2012: Die Reportage zeichnet sich in erster Linie durch ihre sprachliche Qualität aus. Der Autor versteht es, die Atmosphäre im Kieler Arbeiterstadtteil Gaarden so zu beschreiben, dass sich der Leser mitgenommen fühlt und sich genau vorstellen kann, wie es dort aussieht. Durch vielfältige Beobachtungen kommt man Kiel-Gaarden und vor allem dem Hauptprotagonisten Julian nahe. Die Jury findet den Ansatz bemerkenswert, die Geschichte aus der Sicht eines 14-jährigen Jungen zu beschreiben. Das ist überraschend und erfrischend und führt dazu, dass man mit Begeisterung bis zum Ende dabei bleibt. Die Jury findet: Tiemo Rink ist eine wunderbar einfühlsame Reportage gelungen, die den ersten Preis des Reportagepreises für junge Journalisten verdient.

Diese Laudatio provoziert fasst noch mehr, als der Artikel selbst. Was ist daran einfühlsam? Die Hauptüberschrift auf der zweiten Seite wie “Ein Viertel erodiert” ?

Er enthält massive Übertreibungen und einfach auch viele faktische Fehler:

Die Kieler Stadtverwaltung hat ein Wirtschaftsbüro eingerichtet, mit dessen Hilfe sich Arbeitslose selbständig machen sollen, damit sie den Staat kein Geld mehr kosten und die Kaufkraft im Viertel steigern.

Das ist schon einmal Blödsinn und mit einem einfachen Besuch der Seite des Wirtschaftsbüros auflösbar. Nein, das Wirtschaftsbüro ist kein Arbeitslosenprojekt. Dort steht schon im ersten Satz:

Das Wirtschaftsbüro Gaarden berät und unterstützt Unternehmen, die in Gaarden ansässig sind. Es vermittelt Kontakte, Beratungen und Fördermöglichkeiten zur Expansion oder bei betrieblichen Fragen.

Natürlich beraten die auch Arbeitslose, aber das Projekt für Selbständige ist der Leuchtturm. Das ist jetzt nicht der gröbste Fehler in diesem Artikel, aber der, den man am einfachsten nachprüfen kann – und dann KANN man dem Artikel auch keine Bestnote mehr geben. Ein ausgezeichneter Artikel sollte zumindest die meisten Fakten korrekt haben.

Dieser Artikel aber enthält fast nichts, was stimmt. Was stimmt ist, dass es in Gaarden viele Drogenabhängige gibt, auch viele aus anderen Stadtteil kommen hier her, weil hier nun mal die ganzen Drogenärzte ansäßig sind. Ein großes Problem stellt das aber nicht dar. Viele Leute berichten darüber, dass so etwas wie offene Spritzen kaum noch im Stadtteil zu finden sind. Die Situation hat sich hier in den letzten Jahren deutlich entschärft. Bei der Arbeitslosigkeit seit 2005 z.B. sank die Arbeitslosigkeit von 27,6 auf 17,8 Prozent. Da kann man natürlich viel dran rum reden mit versteckter Arbeitslosigkeit, etc. Aber dazu würde ich sagen: Nicht nur in Gaarden.

Natürlich hat Gaarden all die Probleme, die alte IndustriearbeiterInnen-Viertel heute haben. Da muss man gar nicht drüber reden. Aber das ist noch kein Grund dafür hier an jedem Taschentuch oder Blumenkübel rumzumeckern. Gaarden ist harmlos im Vergleich zu manch anderen Vierteln in Deutschland. Die Probleme überschaubar.

Und viele, die meisten die ich kenne, fühlen sich hier wohl. Der Artikel hat in erster Linie Kopfschütteln ausgelöst. Wir haben unser Viertel nicht wiedererkannt. Selbst Leute, die weggezogen sind, weil ihnen Gaarden irgendwie zu “asig” ist, sind der Meinung, dass der Stadtteil nicht gut getroffen ist.

Man könnte meinen der Autor wäre nie hier gewesen, hätte sich einige Artikel der vergangenen Jahre durchgelesen, daraus ein paar Klischees herausgepickt, dann sich den Jungen als Vehikel seiner Aussage genommen – einige Punkte verbunden, alles was gegen die Kernaussage spricht weggelassen und fertig ist der Einheits-Klischee-Artikel über Gaarden.

Das ist ungefähr so intelligent wie der Flyer anläßlich eines Mords aus Eifersucht, der sich letztes Jahr gegen die Gaardener Bandenterror wand. Welche Banden?

Gaardens größtes Problem überhaupt ist die Stigmatisierung. Ein Alki in Gaarden gilt als Problem – in jedem anderen Stadtteil als normal. Ein zerstochener Fahrradreifen wird in Gaarden zum typischen Beispiel – passiert es vor der Waldorfschule auf dem Westufer – so wird es als Ausnahme gesehen.

Wir in Gaarden sind Menschen wie alle anderen auch. Manche haben große und andere kleine Probleme. Wir brauchen aber keinen Diplom-Politologen, der uns unseren Stadtteil schlechter redet, als er ist. Der wahrscheinlich immer in den korrekten und durchgestylten Stadtteilen von Städten lebt, die sauber und steril sind. Nein, das ist Gaarden nicht. Und das wollen wir auch nicht sein!

Oder wie es ein Soziologe mir einmal bei einem Besuch sagte:

Eure Stadt ist ja echt langweilig, aber euer Gaarden, das hat was!

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Veröffentlicht am 12. Oktober 2012 in Gaardener Stilblüten, Stadtteilblog und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 1 Kommentar.

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