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Zum Selbstverständnis von Stadtteilblogs
Ich versuche die Überschrift nicht abstrakt zu thematisieren, sondern am konkreten Beispiel dieses Blogs. Es gibt Medien wie Stadt-Zeitungen und auch die Politik/Verwaltung. Unsere Stadtteile werden von der Politik verwaltet. Auf der anderen Seite stehen die Bürger. Die Medien erfüllen oft nur die Aufgabe die Politik den Bürgern zu vermitteln. Aber es sollte um mehr gehen. Aus meiner Sicht sind Blogs primär eine Art Bürgerjournalismus, aber auch einfach die Bürgerin die schreibt, was sie wahrnimmt, was sie denkt usw.. Es gibt verschiedene Wege in einer Demokratie sich einzumischen: Man kann wählen gehen und /oder sich an die Politik wenden. Oder man wartet darauf, das die Medien einen finden, um die eigene Meinung zu transportieren. Blogs, insbesondere Regionalblogs bedeuten aber eher, das jede Einzelne den direkten Weg sucht. Das Ideal würde ich so betrachten, das viele Bürgerinnen via Internet miteinander im Dialog stehen, auf Augenhöhe.
Konkret in Gaarden haben wir auch andere Foren, wie den Ortsbeirat oder auch die Gaardener Runde. Und dann natürlich die übliche Bürgerbeteiligung. An diesen Ansätzen stimmt aber etwas sehr grundsäzliches nicht: Das Wesen all dieser Foren, oder Institutionen ist es nicht so sehr den Bürger als politischen Akteur zu integrieren, sondern eher ihn von oben herab heranzuziehen, seine Meinung abzugreifen und die Ergebnisse so zu benutzten, wie es gerade passt. Die einzelne Bürgerin zählt dabei wenig. Was zählt sind die Inhaber von Ämtern oder die Austraggeber von Bürgerbeteiligungen oder Workshops und Foren. Wer wertet die Ergebnisse aus? Wer bewertet sie? Nicht die Gaardenerinnen! Die Auswertung ist oft ausgewählten Kräften vorbehalten, einem Personenkreis, dem man vertrauen kann. Die wissen, was man von ihnen erwartet. Was die Politik als Allerletztes gebrauchen kann sind Bürger, die sich den Plänen, die die Politiker für sie ausgedacht haben, im Weg stehen. Bürgerbeteiligung schön und gut – aber irgendwann soll es losgehen mit den Projekten. So erfüllt die Bürgerbeteiligung oft nur den Zweck einer weiteren Legitimisierung der Politiker, die zuvor schon durch Wahlen ihr Amt erlangt haben.
Die Medien sind nach dem Pressekodex zur Neutralität verpflichtet. Sie suchen aber ganz natürlich die Nähe zu den Politikerinnen.Sie brauchen Informationen und Journalisten genießen auch den Einfluss und die Macht, den sie haben können. Mit einer entsprechenden Begleitung kann eine Regionalzeitung wohl fast jedes Projekt entweder zu Fall bringen oder gegen alle Widerstände durchbringen. Die Medien als Sprachrohr aller Seiten – von Bürgern und Politik – der neutrale Sachwalter. Aber die Verlockungen sind zu groß. Und so ist man es denn gewohnt, das nicht das in der Zeitung steht, was passiert. Manches wird gezielt weggelassen und manches Unbedeutende übermäßig betont. Erst am 1. Mai 2009 z.B. war ich erstaunt, das unser Regionablatt “Kieler Nachrichen” fast nichts zu den datumsüblichen Demonstrationen in der Stadt berichtete (nur im Zusammenhang mit Berlin, Hamburg und Hannover). Kein eigener Artikel. Eigentlich würde man meinen, das sowas gar nicht passieren kann – aber so war es. Halten wir also fest, das wir uns auf regionale Medien nicht verlassen können. Sie versuchen zwar neutral zu sein, sind es aber eigentlich nie.
Nun zu den Blogs und verwandten Kanälen (Microblogging, etc.): Hier spricht ein Bürger wie ich nur für sich selbst – eventuell auch eine Gruppe. Neutralität ist gar keine Zielsetzung. In einem Stadtteilblog wie diesem schreibt man über das, was einem auffällt. Man kann authentisch darüber schreiben, was einem wichtig ist. Egal zu welchem politischen Lager man sich auch zählt. Und damit kann die eigene Stimme wichtiger werden, als wenn man an einer Bürgerbeteiligung teilnimmt oder eine Anfrage an die Verwaltung stellt oder den Ortsbeirat um Hilfe bittet.Das funktioniert nur selten. Es funktioniert dann, wenn Du einen Vertreter findet, der Interesse an Deinem Anliegen hat (z.B. wenn er glaubt Du wählst ihn dann wieder, oder weil ihm Dein Anliegen politisch nützt). Du solltest Deine Anliegen nicht in die Hände anderer legen, sondern sie selber vertreten. Ich selbst habe es auch mal versucht meine Anliegen in den politischen Prozess hineinzutragen, empfand die Ergebnisse aber immer eher als enttäuschend, insbesondere die Machtlosigkeit die man vorgeführt bekommt. Die Machtlosigkeit rührt aber nicht daher, weil man machtlos wäre, sondern weil man die gegebenen Rollen akzeptiert. Natürlich entscheiden bestimmte Behörden über bestimmte Themen – und manche Vorschriften dürfen eigentlich nicht umgangen werden. Dich wir alle kennen wahrscheinlich Beispiele wo plötzlich etwas möglich ist, obwohl immer gesagt wurde es sei unmöglich. Z.B. wenn Medien ein Thema aufgreifen kann es sein, das auf einmal eine Behörde Dampf bekommt und ein Vorhaben von einem Tag auf den anderen durchgewunken wird, das vorher jahrelang blockiert wurde.
Der entscheidende Punkt liegt also m.E. dann vor, wenn wir unsere Kompetenz und Anliegen abgeben an gewählte Vertreter oder Verwaltungsbeamte und diese nicht selber vertreten – oder nicht zusammen mit Gleichgesinnten. An dem Punkt signalisieren wir bereits, das wir uns selbst für nicht wichtig genug halten auf gleicher Augenhöhe mitzureden. Wir akzeptieren die Regeln des Diskurses und lassen die Kontrolle darüber los. Damit aber geben wir unseren Einfluss auf und werden zu Beobachtern. Eine Rolle, die wir Bürger sowieso gewohnt sind in einer Demokratie. Alle paar Jahre dürfen wir zur Wahlurne und unsere Vertreter wählen. Danach bitte zurück auf die Zuschauertribüne.
Blogs bieten uns eine Möglichkeit weiterhin mitzureden. Blogs alleine sind vielleicht nicht ausreichend, aber es kann ein wichtiger Punkt sein. Unsere Gesellschaft wird immer internetaffiner – und waren einige von uns vor ein paar Jahren noch die Spinner, die im Internet rumsurften wo “sowieso keiner ist”, so wird man jetzt zum Teil links überholt von eben den gleichen Leuten, die einen Großteil ihrer Informationen aus dem Internet holen. Das heisst ein immer größerer Teil der Bevölkerung wird im Internet präsenter – der virtuelle Stadtteil wird mehr zum Teil der eigenen Welt – und was dort geschrieben wird, wird jedes Jahr wichtiger.
Worte können eine große Wirkung entfalten. Das hat die Geschichte gezeigt.Und daher denke ich auch, das Stadtteilblogs eine große Wirkung haben können im gesellschaftlichen Diskurs. Hier können argumentative Pflöcke eingeschlagen werden an denen sich eine Diskussion bewegt – hier kann aber auch interagiert und aufeinander Bezug genommen werden. So kann eine regionale “Blogosphäre” selbst zu einem nicht klar verorteten Forum werden. Die Virtualität ist nicht alles, aber man kann klar sehen, wie vieles sich virtualisiert und wie die klassischen Medien und Foren an Einfluss verlieren. Noch denke ich haben die klassischen Foren ein deutliches Übergewicht – aber schon ist es so, das die Politik ein Phänomen wie Twitter (microblogging) nicht mehr ignorieren kann. Bestes Beispiel dafür war das “BarCamp” Politcamp09, das gerade zu Ende gegangen ist.
Man soll diese Entwicklung nicht überbewerten – aber hier ist schon ein gewisses Potential. Die etablierten Parteien versuchen auch diesen Raum zu besuchen, aber sie sind schwerfälliger und können nicht so authentisch sein, wie ein einfacher Bürger.
Das einzelne Blog ist dabei gar nicht so wichtig, auch wenn viele das glauben. Sicher gibt es Blogs die mehr sogenannte Relevanz und Massenakzeptanz besitzen. Aber dies kann auch nur so scheinen. Allgemeingültige Relevanz kann auch Ergebnis von gutem Marketing sein. Es mag dann zwar sein, das ein Blog sehr viele Leser hat – die Inhalte aber dennoch wenig Einfluss auf die Leser haben – oder auch bei einem Stadtteilblog – dies kann niemals eine globale oder deutschlandweite Relevanz erlangen im selben Maße wie ein allgemeines Blog. Dennoch kann es für die Leute vor Ort sehr relevant sein. Relevanz ist eben vor allem eins: Subjektiv! Die Suche nach der Relevanz ist m.E. ein Überbleibsel der Vertrautheit mit den Massenmedien. Hier gibt es wenige Sender – und es ist klar, das der Sender mit mehr Abrufen relevanter ist, als der mit nur wenigen Interessenten. Bei Blogs kann man so eine Rechnung aber nicht aufstellen. Es sei denn man ist daran interessiert Werbung auf einem Blog zu schalten und Page Impressions messen will. Die Leute wollen wissen, was sie lesen sollen. So entsteht Relevanz teilweise aus vermuteter Relevanz – aber nicht aus tatsächlicher. Es ist somit eher ein Massenphänomen als von tatsächlicher Bedeutung. Anders gesagt: Relevanz ist irrelevant. Nur das Individuum selbst entscheidet von Augenblick zu Augenblick neu, was relevant ist. So ist das, was viele als Relevanz bezeichnen häufig denn nichts anderes als simple, kurzlebige Popularität. Eine Illusion.
Soweit fürs erste. Würde mich über Kommentare vor allem von anderen Stadtteilblogs freuen, wie sie sich verorten.

